Verlagsprogramm Herbst 2016

Uns waren als Verlegerinnen von Anfang an zwei Dinge wichtig, die beide zusammen und getrennt zugleich im Vordergrund stehen sollten. Zum einen ein Bild der Türkei abseits von Klischees, Moscheen und Tausend-und-einer-Nacht-Fantasien zu zeigen, ein Bild der modernen Türkinnen und Türken, das hierzulande nicht nur seit der aktuellen politischen Situation so häufig unterzugehen scheint. Zum anderen die Texte und Geschichten in Deutschland bekannter zu machen, die den Titel ‚türkisch‘ im Grunde nicht benötigen und in keinster Weise der Literatur anderer Länder in ihrer Kraft und Einzigartigkeit nachstehen: Frech, anspruchsvoll, kritisch, tragisch, humorvoll, absurd, romantisch, spannend, feministisch, poetisch. Wir eröffneten unser Programm 2012 mit einem Erzählband von Oğuz Atay, dem Schriftsteller, der die türkische Literatur geprägt hat wie kein anderer. Vier Jahre später haben wir nun sein größtes Werk erstmalig in deutscher Sprache veröffentlicht, obwohl es bisher als unübersetzbar galt. Der Roman »Die Haltlosen« ist 1970 in der Türkei erschienen und befindet sich dort bereits in der 79. Auflage. Es ist das Opus Magnum der türkischen Moderne, das Buch, das die Intellektuellen der Türkei bis heute beschäftigt und das bei den Gezi-Protesten 2013 in seiner zeitlosen Bedeutung eine ganz junge Generation inspirierte.

Wenn über 40 Jahre ein solches Jahrhundertwerk es schafft, die Brücke zwischen Generationen zu schlagen, dann glauben wir fest daran, dass Literatur auch die Brücken zwischen Europa und Asien, zwischen dem viel zitierten Orient und Okzident schlagen kann. Wenn ein Autor wie Emrah Serbes in der Türkei mit seinen regierungskritischen und freiheitsliebenden Texten trotz der ständigen Repressalien durch Zensur oder Anklagen wegen Majestätsbeleidigung hunderttausende junge Leser bewegt, wenn sich die Klischees der unterdrückten Frau durch die Geschichten der Feministin Sevgi Soysal in »Tante Rosa« in Luft auflösen, wenn die fantastischen »Legenden von Perg« von Barış Müstecaplıoğlu eine wundervolle Allegorie auf das Zusammenleben verschiedenster Kulturen erschafft, dann bedeutet das für uns als Verlegerinnen eben diesen Brückenschlag zwischen der Heimat unserer Eltern und dem Land in dem wir geboren sind. Dann bedeutet das für uns nicht nur die Hoffnung auf eine klischeefreie Zone, sondern die Hoffnung auf eine Zukunft, in der wir unsere  Kinder aufwachsen sehen werden.

Selma Wels & Inci Bürhaniye

Berlin, 2016

Wie-mein-Vater-Sozialist-wurde-Front

»Wie mein Vater Sozialist wurde und ich mich verliebte«

Mustafa Kutlu

Als seine Frau stirbt, begibt sich Ali, der Bulgare, gemeinsam mit seinem Sohn auf eine lange Reise. Er sucht sein Glück in Anatolien, zieht von Dorf zu Dorf und findet doch nirgends Ruhe. Nur eine Fuchsie und ein Stieglitz bleiben Konstanten in seinem unsteten Leben.

Wie mein Vater Sozialist wurde und ich mich verliebte ist eine Vater-Sohn-Geschichte, ein Roman über ein Leben ohne ein geographisches Zuhause, ohne ein konkretes Ziel und über die juristische Bedrohung als Sozialist in der Türkei. Es ist auch eine Geschichte über das Leben in der Provinz mit all seinen Vorzügen und Schwierigkeiten, über die Menschen, die dort leben, über die (erste) große Liebe und, zu guter Letzt, eine Geschichte über Bücher und über das Schreiben, denn Mustafa wächst im Rhythmus der ratternden Züge und der nachts klappernden Schreibmaschine des Vaters Ali auf…

»Tante Rosa«

Sevgi Soysal

Als kleines Mädchen möchte Tante Rosa Zirkusreiterin werden, weil sie in einem Klatschblatt ein Foto gesehen hat. Später träumt sie von Ruhm und Reichtum, von Ansehen und einer großen Liebe. Die Welt muss einfach so sein wie in den Groschenromanen, die sie bis ins hohe Alter verschlingt. Aber das Leben kommt ihr dazwischen. Das echte Leben, das so gar nichts mit Tante Rosas Träumen zu tun hat…

Tante Rosa ist eine liebevoll erzählte Sammlung von Geschichten über die Kindheit in der Zeit des Krieges und der Erwachsenenzeit in der Nachkriegszeit. Es sind Geschichten über Tante Rosa, die Sevgi Soysal in episodenhaften Kapiteln aus dem Leben einer unkonventionellen und rebellischen Frau erzählt, die entgegen allem männlichen Gehabe und den vorherrschenden chauvinistischen Strukturen ihren eigenen Weg geht und macht, was sie machen will. Anders als bei meisten Geschichten der Autorin beschreibt Sevgi Soysal in Tante Rosa nicht das Leben einer muslimischen Türkin, sondern das einer bayrischen Katholikin, deren Erfahrungen mit ihrer eigenen Vergangenheit eng verbunden erscheinen.

tante-rosa-front
Oguz-Atay-Die-Haltlosen-Tutunamayanlar

»Die Haltlosen«

Oğuz Atay

Der ‚Haltlose‘ ist jemand, der sich selbst in Frage stellt, der nach dem Sinn des Lebens sucht, nach der Wahrheit und nach der Schönheit. Er ist Hamlet und Oblomov, aber auch Don Quichote und Jesus. Turgut Özben, ein junger Bauingenieur, verheiratet, zweifacher Vater, lebt in geordneten Verhältnissen. Er erfährt aus der Zeitung, dass sein ehemals bester Freund Selim Işık Selbstmord begangen hat. Diese Nachricht erschüttert ihn. Turgut sucht Selims Freunde auf, die sich in ganz verschiedenen Kreisen bewegen. Jeder zeichnet ein anderes Bild von Selim, dem ‚Haltlosen‘. Turgut unternimmt eine Reise ins Innere und ins Äußere. Fiktion und Realität verschmelzen miteinander. Turgut wird selbst zu einem ‚Haltlosen‘.

Nie mehr was verpassen?

Du willst von unseren Neuerscheinungen vor allen anderen erfahren und immer auf dem Laufenden bleiben? Dann abonniere unseren Newsletter.
E-Mail