Nominiert für den Young Excellence Award 2015? Und ich so: YEA(H)!

© Börsenblatt

Am 2. Juli 2015 bekam ich eine E-Mail vom Börsenblatt, dass ich für den Young Excellence Award 2015 nominiert wurde und bis zum 5. Juli 2015 hilfreiche Unterlagen wie Lebenslauf, Foto, Motivationsschreiben etc. einsenden soll, weil die Jury dann in der Woche darauf zusammenkäme, um über die Kandidaten auf der Shortlist zu entscheiden. Zuerst dachte ich: “Ach, wie nett.” Oder so ähnlich. Nein, eigentlich weiß ich nicht genau, was ich im ersten Moment dachte, aber ich habe mich auf jeden Fall sehr gefreut über die Nominierung zu dieser Auszeichnung. Wer täte das nicht? Im nächsten Moment dachte ich: “In drei Tagen ein Motivationsschreiben? Ich hab noch so viel zu tun, wann soll ich das denn machen?”

Am Sonntag, den 5. Juli, saß ich ab 9 Uhr mit dem Lapi auf dem Schoß auf unserem Balkon und dachte nach. Irgendwann fing ich an zu schreiben und wollte gar nicht mehr aufhören. Mir fiel an diesem Morgen auf, dass ich mir in den letzten drei, vier Jahren kein einziges Mal die Zeit genommen hatte mich zu besinnen, darauf zu schauen, was ich alles erreicht oder verfehlt habe, was überhaupt alles passiert ist in dieser Zeit. Und selbst die, die unseren Werdegang nur sporadisch verfolgt haben, wissen, es ist eine Menge passiert.

Der Fluch, sich Zeit zu nehmen, verwandelte sich alsbald in einen Segen. Denn es hat gut getan, den Film im Kopf mal zurückzuspulen und auf Play zu drücken. Herausgekommen ist dabei eine Reflektion des Geschehenen, die sich im Grunde nur als Motivationsschreiben tarnte und dennoch die Jury offenbar so sehr überzeugte, dass sie mich unter die Top 10 der jungen Exzellenzen unter den Buchmenschen gewählt hat. Einen Auszug aus diesen motivierenden Gedanken möchte ich gern mit euch teilen:

Idee

Im März 2012 standen wir dann in der Halle 5 der Leipziger Buchmesse und stellten unser erstes Programm mit genau vier Titeln vor. Obwohl wir beide nicht aus der Branche sind, oder vielleicht gerade deswegen, haben wir am Anfang manches sicherlich anders gemacht, als man das so normalerweise tut. Nicht weil wir dachten, wir können es sowieso besser, sondern weil wir einfach nicht wussten wie. Diese Herangehensweise hat einen großen Vorteil: Man macht Dinge einfach anders und dieses „anders“ ist authentisch. Authentizität ist in jedem Lebensbereich ein hervorragender Wegbegleiter. Natürlich mussten wir den Mangel an Erfahrung in der ersten Zeit wieder irgendwie ausbügeln und tatsächlich unter der Überschrift „Erfahrung“ abbuchen. Entscheidungen, die ich noch vor drei Jahren getroffen habe, würde ich heute anders treffen. Das bedeutet nicht, dass meine Entscheidungen falsch waren, das bedeutet lediglich, dass dieses erste binooki Jahr in Bezug auf meinen Lernprozess das am meisten effektivste war.

A turkish heart with a german soul

Im Grunde beschreibt „A turkish heart with a german soul“ am besten wie ich bin. Ich bin 1979 in Pforzheim geboren. Meine Eltern kommen beide aus der Türkei. Aus kultureller Sicht sind meine Wurzeln an der Ägäis anzutreffen. Meine Heimat ist sie dennoch nicht, die Türkei. Zumindest nicht ausschließlich. Ob Deutschland meine Heimat ist, kann ich auch nicht mit Bestimmtheit sagen, aber zumindest bin ich hier sozialisiert worden. Ich bin gerne beides, türkisch und deutsch. Ich habe gelernt das (für mich) Beste aus beiden Kulturen in mein Leben zu integrieren. Wenn meine Leidenschaft für deutsche Verhältnisse zu türkisch ist, ist die Umsetzung meiner Leidenschaft für globale Verhältnisse immer noch zu deutsch. Den Wunsch beides in einem Selbst zu vereinen, verspüre sicherlich nicht nur ich. Es gibt Generationen, denen es so geht wie mir. Doch man wird immer wieder vor eine Wahl gestellt, man muss sich entscheiden und egal wie man sich entscheidet, man gehört nicht richtig dazu. Weder in die eine, noch in die andere Welt. Seitdem ich mich entschieden habe, dass meine eigene Welt die ist, um die es in meinem Leben geht, geht es mir viel besser. Die Vorteile, die eine Multikulturalität mit sich bringt – und damit meine ich nicht nur den sprachlichen Vorteil, sondern auch die Flexibilität im Denken, sich auf jede Situation schnell einstellen können, dieses im Kopf mit Leichtigkeit „umswitchen“ – ist nur gelebt erlernbar.

Achtung! Klischeefreie Zone.

Nur weil ich im Kopf schnell umdenken kann, bedeutet das noch lange nicht, dass andere das auch können. Klischees, Schubladen und Sprüche, die man sich schenken könnte, sind Alltag in meinem Leben. Schon immer. Das fängt im Kindergarten an und hört nie auf. Ich gebe zu, binooki habe ich in erster Linie gegründet, weil ich das, was ich lesen wollte, auf Deutsch lesen wollte. Ich wollte meine beiden Heimaten durch die Literatur verbinden. Denn ich suche schon immer nach einem Weg beides zu leben. Doch sehr schnell kristallisierte sich heraus, dass die Literatur ein wunderbares Mittel ist, um Klischees, die sich in den Köpfen der Menschen festgesetzt haben, nachhaltig abzubauen. Der Türke im Allgemeinen hat eben nun mal ein Image in Deutschland. Das ist in der Regel nicht das schmeichelhafteste. Wenn ich versuche dieses Bild auch mal aus einer anderen Perspektive zu beleuchten, dann bin ich „die Ausnahme“ und ich sehe ja auch überhaupt nicht „türkisch“ aus – ich vermute, das ist als Kompliment gedacht – gefolgt vom nächsten Kompliment: „Du sprichst ja so gut Deutsch, wo hast du das denn gelernt?“ Darauf antworte ich meistens: „In der Schule. Baden-Württemberg hat da einen guten Standard.“ Auch Hochdeutsch klappt, wenn man nicht gerade aus einer badisch-schwäbischen Familie stammt und sich gegen einen gesellschaftlich akzeptierten Akzent wehrt.

Bei dem vorhin erwähnten Termin für die Startfinanzierung sagte der Banker: „Na ja, erstes sind sie zwei Frauen, die etwas im kulturellen Bereich machen wollen und mal ganz ehrlich: Welcher Türke liest denn schon Bücher?“ Daraufhin antwortete ich: „Ich lese Bücher. Und nicht nur ich lese Bücher. Wenn sie an mir vorbeilaufen, denken sie dann, ich sei eine Türkin? Jetzt überlegen sie mal, an wie vielen Menschen sie tagtäglich vorbeilaufen, die türkisch sind, aber kein Gemüse oder Döner verkaufen und sie diese deswegen nicht als solche identifizieren. Und außerdem sind unsere Bücher nicht an eine Nationalität gekoppelt. Sie richten sich an jeden, der Deutsch lesen kann.“

Umso mehr freut es mich, wenn ich sehe, dass 98% unserer Leser Deutsche sind. Das Konzept „Brücke schlagen zwischen zwei Kulturen“ ist aufgegangen. Die Türken wissen schon, wie es in der Türkei jetzt ist. Die Deutschen erfahren es und sind überrascht, erstaunt und dankbar durch unsere Autorinnen und Autoren nun ein Bild der Türkei mit seinen Menschen und Kulturen kennenzulernen, das wir hier in diesem Land über ein halbes Jahrhundert nicht fähig waren, aufzuzeigen.

Es gab am Anfang des Motivationsschreibens natürlich noch ein typisches Selma-Berliner-Schnauze-Intro und noch einen ziemlich langen Absatz darüber, dass es nicht ausreicht nur schöne Bücher zu machen, dass man als Verleger eben manchmal auch eine ganze andere Verantwortung trägt und manchmal auch von der „politischen Dynamik“ einiger Staatspräsidenten erfasst wird, aber das würde hier wohl den Rahmen sprengen.

Ich hab geschrieben und geschrieben und  war mir nicht sicher, ob das jetzt das war, was von mir verlangt wurde. Aber das war mir in dem Moment ehrlich gesagt auch total egal. Für mich war es zu dem Zeitpunkt das, was ich brauchte. Ab und an schmunzelnd, manchmal sogar laut lachend, erinnerte ich mich, wie alles begann, und warum. Diese Nominierung hat das erreicht, was noch nichts und niemand bisher geschafft hatte: Sich Zeit nehmen, ab 2012 Revue passieren lassen und dann daraus wieder Energie für die Zukunft schöpfen. Und was ich so sehr mag an diesem Text: er ist authentisch. Er kam einfach so aus mir heraus. Ich habe mittlerweile schon über tausend Interviews gegeben und ich stelle dabei oft auf Autopilot. Die Fragen sind immer die gleichen, die Antworten im Grunde auch. Anfangs, also vor drei Jahren, als ich noch aufgeregt war (ich bin es heute auch immer noch ein bisschen) war ich froh, wenn ich vorher die Fragen bekommen habe. Mittlerweile lehne ich das ab. Ich will überrascht werden, spontan sein, auf die Situation reagieren. Seit Anfang Juli bin ich nun ein großer Fan von Motivationsschreiben. Keine Fragen, keine Erwartungen, nur ein leeres weißes Blatt Papier, dass mich überrascht und spontan sein lässt.

Anscheinend konnte die Jury damit etwas anfangen, denn wie seit gestern bekannt ist, stehe ich mit neun weiteren Kandidaten auf der Shortlist für den Young Excellence Award 2015, die Großartiges in dieser unserer Buchbranche auf die Beine gestellt haben. Wenn es nur zehn Gründe gäbe, um dieses Jahr nach Frankfurt fahren, ist einer von diesen zehn inspirierenden Menschen mindestens einer davon. Voll gut!

Und was mir auch am Herzen liegt: Ich beglückwünsche alle Nominierten, auch die, die es nicht auf die Shortlist geschafft haben und es dennoch zweifelsfrei verdient hätten. Es wird noch viele Gelegenheiten geben, das könnt ihr mir glauben. Und egal, was am Ende dabei herauskommt, wenn ihr auch nur einen einzigen Menschen mit dem erreichen konntet, was ihr getan habt… was für ein großes Glück ist das denn!

Wir sehen uns in Frankfurt!

 

(Foto: ©Börsenblatt)

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One thought on “Nominiert für den Young Excellence Award 2015? Und ich so: YEA(H)!

  1. Wunderbar, dieser spontane Text. So halte ich es immer, wenn ich etwas schreibe. Und Du konntest die Leute in Frankfurt überzeugen. Ich drücke Dir die Daumen!!!
    Christa

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