Mit Büchern gegen Fremdenhass und Islamophobie

binooki-im-ZDF-Morgenmagazin

Es ist Donnerstag, der 19. Februar. Sehr früh morgens klingelt der Wecker und noch vor dem ersten Kaffee wird der Laptop aufgeklappt. Ausnahmsweise sind es nicht die Deadlines für Druckabgaben, die uns so zu dieser Uhrzeit antreiben, sondern eigentlich etwas sehr aufregendes. Letzte Woche hat uns ein Team vom ZDF Morgenmagazin besucht und uns ganz viele Fragen zu unserem Verlag gestellt. Wir standen fünf Stunden vor der Kamera, haben die Köpfe gedreht, haben Bücher aus dem Regal genommen, all diese Dinge, die man eben vor einer Fernsehkamera so macht. Endlich war es soweit und der Beitrag wurde ausgestrahlt.

Der binooki Verlag in den Haushalten in ganz Deutschland! Eine unglaubliche Vorstellung. Ok, die durchschnittliche Einschaltquote des Morgenmagazins liegt zwischen 600.000 und 700.000 Zuschauern. Aber allein soviele Menschen auf einmal zu erreichen, war für uns bisher immer in weiter Ferne. Von den fünf Stunden Aufnahmematerial sind dann zwar nur etwas über 2 Minuten übrig geblieben, dennoch war es ein sehr schöner Beitrag und wir bedanken uns herzlich bei dem Team des ZDF. Dieser Start in den Tag war sehr euphorisierend. Noch während die Ausstrahlung lief, gab es einen Ansturm auf unsere Webseite und unseren Online Shop. Die Menschen sahen sich unser Verlagsprogramm an, bestellten Bücher, folgten uns auf Facebook oder Twitter. Es war wunderbar. Am Nachmittag wurde der Beitrag auch noch auf der Facebook Seite von ZDF Heute hochgeladen, anstatt auf der Seite des Morgenmagazins. ZDF Heute hat insgesamt knapp 300.000 Fans! Wow! Wir sind gar nicht mehr klar gekommen.

Doch dann verdunkelte sich unsere Miene. Es ist allgemein bekannt, dass man keine Kommentare auf öffentlichen Seiten von TV-Sendern oder Zeitungen lesen sollte. Die Hate Poetry kann davon nicht nur ein Lied singen, sondern füllt sogar ganze Säle mit dem Vorlesen solch absonderlicher Leserbriefe. Aber wenn es einen selbst betrifft, ist das ein wenig wie bei einem Unfall. Man kann einfach nicht wegsehen. Nichts ahnend sahen wir uns plötzlich rassistischen und islamfeindlichen Äußerungen gegenüber, die uns glatt die Sprache verschlagen haben.

binooki-ZDF-Heute-Facebook-Kommentare-2 binooki-ZDF-Heute-Facebook-Kommentare

Dies war der Start zu einem Austausch von Gleichgesinnten, die offenbar den Beitrag gar nicht angesehen haben und bereits bei dem Wort türkisch aufgehört haben nachzudenken. Im weiteren Verlauf fand das statt, was in den letzten Wochen so häufig passiert. Türkisch wird gleichgesetzt mit Islamisierung. Bekannte PEGIDA-ähnliche Worthülsen wie Willkommenskultur, Sozialschmarotzer, Multi-Kulti Gutmenschen, das angeborene Recht deutscher Ureinwohner und die einzig wahre Hochkultur deutscher Schriftsteller wie Goethe wurden herangezogen, nicht nur um zu polarisieren, sondern eindeutig zu diffamieren. Sogar Listen deutscher Mordopfer, die angeblich durch Ausländer getötet wurden, teilten die Nutzer in der Kommentarfeldern der ZDF Heute Pinnwand unter dem Video unseres Beitrags.

Wir sind uns darüber bewusst, dass nicht alle gut finden, was wir machen. Wir wissen auch, dass es Menschen gibt, die nicht gut finden, das wir hier leben, obwohl wir hier geboren sind. Das kennen wir bereits seit unserer ersten Stunde. Es spielt keine Rolle, ob wir auf einem humanistischen Gymnasium oder der Rütli Schule waren. Es ist irrelevant, ob wir Hartz 4 bekommen oder eine eigene Anwaltskanzlei oder einen Verlag führen. Es ist allein die Herkunft, die uns und unsere tägliche Arbeit in den Augen solcher Menschen weniger wert erscheinen läßt. Dies ist zwar schwer zu ertragen, aber wir haben uns daran gewöhnt. Was uns trifft ist die Ignoranz dieser Menschen, die unseren aufgeschlossenen Aussagen und unserem Ziel begegnen, durch Literatur bzw. Kultur für ein gegenseitiges Verständnis auf beiden Seiten zu sorgen. Dies ist nicht mehr der Alltagsrassismus, den wir kennen, wenn wir uns auf Wohnungen oder Jobs bewerben. Es ist vielmehr ein deutliches Zeichen dafür, das ein Dialog nicht mehr stattfindet. Unsere Autoren sind alles andere als islamisierend. Wer einen Text von Emrah Serbes oder Murat Uyurkulak gelesen hat, wird sehr schnell erkennen, dass ein saufender Hauptkommissar wie Behzat Ç. alles andere als religiös ist.

Wir betrachten uns selbst nicht als politischen Verlag. Aber für uns spielt es eine große Rolle, dass unsere Autorinnen und Autoren eine Meinung haben, die sie authentisch repräsentieren und mit der wir uns selbst identifizieren können. Wir veröffentlichen nur, was uns gefällt. Und wir sind davon überzeugt, dass in jedem schriftstellerischen Schaffen auch eine Reflektion der Gesellschaft und Politik steckt. Bei manchen offen, bei manchen versteckt. Doch wenn einem Autor aus der Türkei nur aufgrund seines Geburtslandes pauschal fanatische Religiosität oder Islamismus unterstellt wird, dann ist unsere Mission noch sehr viel größer, als wir es vor vier Jahren dachten. Wir möchten einen Brücke schlagen. Wir möchten vermitteln. Wir möchten dazu einladen, das Land unserer Eltern und die Herkunft vieler Bürger dieses Landes, besser kennen zu lernen.

Bei all den erschreckenden Worten, die wir heute gelesen haben, fühlen wir uns umso mehr in unserer Arbeit bestärkt. Denn es passierte etwas ganz wunderbares. Es waren viele Menschen, die wir nicht kannten, die uns nicht kannten, die uns mit ihren öffentlichen Statements gegen die islam- und ausländerfeindlichen Äußerungen Mut gemacht haben. Sie geben uns die Kraft weiter zu machen und nicht den Kopf fassungslos in die Hände fallen zu lassen. Sie geben uns den Antrieb noch sehr viel mehr Bücher zu machen, um weiter ein Stück dazu beizutragen und der wachsenden Fremdenfeindlichkeit ein Zeichen entgegen zu setzen.

DANKE FÜR DIESE UNTERSTÜTZUNG!

Share this post
  , , ,


2 thoughts on “Mit Büchern gegen Fremdenhass und Islamophobie

  1. Hallo,

    laßt Euch nicht von dummen, nachgeplapperten, rassistischen Sprüchen ärgern. Ihr habt sehr gute Bücher in eurem Verlagsprogramm, die ich gerne lese und auch verschenke. Ihr habt was großartiges aufgebaut und ich freue mich, das es euch gibt und ich mir auch die Welt der türkischen Literatur teilweise erschließen kann.

    Grüße
    Anna

  2. Ich bin erst durch den Newsletter auf die Sache aufmerksam geworden, da ich den Beitrag gar nicht gesehen habe. Auch wenn es natürlich in diesem besonderen Fall und der allgemeinen Diskussion im Lande schwer fällt: Solche Kommentare darf man einfach nicht an sich ranlassen. Wenn man einmal das SPON Forum gelesen hat zu einem beliebigen Beitrag, stellt man rasch fest, dass im Netz für einige offenbar jeder Schwachsinn erlaubt ist. In anderen Foren sieht es noch schlimmer aus.

    Attackiert wird auch immer recht wahllos, mal sind es die Ostdeutschen, mal Übergewichtige, mal “die Politik” und natürlich immer wieder gern “die Muslime”, als ob jeder Türke einer wäre und mindestens die Hälfte zur ISIS drängten. Hauptsache mal Luft machen. Man sieht ja am “qualifizierten” Ton, dass die Kommentatoren nicht nur eure Bücher nicht gelesen haben, sondern auch sonst nicht viel mit Inhalten anfangen können.

    Ich freue mich jedenfalls, dass Ihr die Bücher macht, die ihr macht und hoffe, dass euch die Aktion viele neue Fans gebracht hat. Die werden am Ende mit Sicherheit deutlich in der Mehrheit sein.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Nie mehr was verpassen?

Du willst von unseren Neuerscheinungen vor allen anderen erfahren und immer auf dem Laufenden bleiben? Dann abonniere unseren Newsletter.
E-Mail