Lieber Herr Benninger!

Wie einige von euch schon wissen, habe ich „Fragmente“ das deutsche Kleid verpasst. Es war eine ganz außergewöhnliche, eine ganz wunderbare und teilweise auch anstrengende Aufgabe. Ob das Kleid gut sitzt oder nicht, beurteilt ihr am besten selbst, wenn ihr es lest.

Nun ist das erste Buch, das man übersetzt, wohl eins der besonderen. Für mich jedenfalls. Und weil das so ist und weil es Dinge gibt, die man teilen muss, muss ich hier auch ein paar Sätze dazu loswerden. Keine Angst, im Grunde will ich nur Danke sagen.

Zu allererst möchte ich mich bei Emrah Serbes bedanken, dass er ein so wunderbares Buch geschrieben hat. Ich weiß, wie ich es zum ersten Mal im Oktober 2013 auf der Zugfahrt Berlin-Frankfurt las und wie es mir dabei ging. „Wenn das Buch dann vom Bindfaden des Schriftstellers befreit ist, geht es seinen eigenen Weg, und keiner weiß, welchen Kurs es einschlägt.“, heißt es so schön im Fragment Nr. 40. Anscheinend hat dieses Buch schon vor eineinhalb Jahren Kurs auf mich genommen. Und zusammen sind wir nun ein ganzes Stück gewachsen.

Zuerst dachten wir alle, dass „Fragmente“ ganz zielstrebig Oliver Kontny ansteuert. Oliver hat dann quasi die „Kurskorrektur“ vorgenommen und mich mit seinem Vertrauen in mich und seinem Zuspruch überzeugt, diese neue Herausforderung anzunehmen. Dafür danke ich dir, lieber Oliver, von Herzen. Wärest du nicht so überzeugt von mir gewesen, dann wäre ich noch nicht so schnell in den Genuss des Übersetzens gekommen.

Ulrike Gramann, meine erste Lektorin (hach, das hört sich gut an!) bekommt für das Lektorat und die großartige Zusammenarbeit ebenfalls ein ganz großes Dankeschön. Insbesondere für „Volkszählungen in der Dunkelheit“ mit imaginären Zigaretten nach langen Abenden voller Fragmente. Es war mir eine große Ehre!

Meinem lieben Ehemann Kai möchte ich auch ganz unbedingt danken für: tonnenweise Kaffee kochen, das darauf achten, dass ich Nahrung (und nicht nur Haribo Balla-Balla und Toffifee) aufnehme, fürs Zuhören und „Hast du ganz toll gemacht, mein Schatz!“ sagen, wenn ich jeden fertig übersetzten Text ihm mindestens einmal vorlesen musste. Für das „Selma ertragen“, die vertieft, nicht ansprechbar und oft 16 Stunden am Stück, ohne sich einen Millimeter vom Laptop zu entfernen, am Tisch saß. Aber nicht nur dafür, auch für das Cover dieses Buches. Ich finde es und die Idee dahinter ganz entzückend.

Gerrit Wustmann, Alexandra Quack und Elisabeth Göske: Danke fürs Korrektur lesen und den Klappentext (Gerrit, ab sofort darfst du all unsere Klappentexte schreiben!) und das begeistert sein. Es war ganz schön schön mit euch!

Doch mein speziellster Dank geht an jemand anderen. An jemanden, der mich in den Jahren 1989-1991 und 1996 sehr geprägt hat: Herr Benninger! Herr Benninger war mein Lateinlehrer auf dem Reuchlin-Gymnasium Pforzheim in der 5. ,6. und 11. Klasse. Als er in der 5. Klasse das erste Mal unser Klassenzimmer betrat, fanden wir ihn ganz witzig bis zu dem Moment, als er uns sagte, dass früher alle Schüler, wenn der Lateinlehrer ins Zimmer kam, aufgestanden sind und „Salve preceptor“ zum Gruß sagten und es uns sicher nicht schaden würde, wenn wir das auch täten. Und das hat er dann mit uns ein paar Mal geübt. Zum Teil aus Verunsicherung, zum Teil auch, weil es irgendwie auch Spaß machte,  eine lateinische Lehrer-Grußformel in die Umlaufbahn zu jagen, taten wir es. Herr Benninger war lustig und streng und für alle Fragen des Lebens hat er einen alten Philosophen aus der Tasche gezogen. Er hat nicht nur dafür gesorgt, dass wir Latein lernen, er hat dafür gesorgt, dass wir die deutsche Grammatik verstehen. Natürlich haben wir viel übersetzt. Angefangen vom Leben im alten Rom bis hin zu den Gallischen Kriegen und den Punischen Kriegen. Am meisten beeindruckte mich Hannibal, wie er mit seinen Elefanten die Alpen überquerte. Als wir in der 11. Klasse waren, sagte er, dass der Spaß jetzt vorbei ist und wir uns an die Kür machen, denn schließlich geht es um das große Latinum, das wir nach Abschluss dieses Schuljahrs in der Tasche haben. Also: Versgrammatik. Das ganze Übersetzen während meiner Schullaufbahn, die ganze Praxis, an einen Satz systematisch heranzutreten und dann am Ende des Systems dem ganzen noch eine Seele einzuhauchen, habe ich in der Schule gelernt. (Für alle, die sich fragen, wofür man das Alles lernt, was man in der Schule lernt: Manchmal braucht man es eben 20 Jahre später. Man weiß es nicht. Selbst für all die Mathestunden, die man qualvoll ertragen hat, gibt es irgendwann im Leben eine Erklärung.)

Doch noch etwas anderes passierte in der 11. Klasse: Wir waren alle 16 oder 17 Jahre alt. Herr Benninger betrat das Klassenzimmer und alle standen auf. Seit der 6.Klasse hatten wir das nicht mehr gemacht! Das werde ich nie vergessen. Dieses Mal keine Verunsicherung, kein „ist-ja-irgendwie-auch witzig“. Nein, es war was ganz anderes: Es war Respekt und Dankbarkeit.

Lieber Herr Benninger, ich danke Ihnen von Herzen für: Mein Deutsch, mein Sprachgefühl, die interessantesten Latein-Stunden meines Lebens, die Philosophen. Dafür, dass Sie mich, wenn das Schicksal besonders hart war, immer den passenden Vers haben übersetzen lassen in der 11. Klasse! Ohne Ihren Unterricht wäre ich niemals in der Lage gewesen dieses Buch zu übersetzen.

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