Erinnerungen an die Leipziger Buchmesse 2016

1. Erinnerung

Dicker Klopper, schicke Tapete, liebes Geburtstagskind

Am Montag, den 14.3. haben „Die Haltlosen“ von Oğuz Atay endlich Halt gefunden. In meinen Händen. Wie das ist ein Buch herauszubringen, das einen Jahre beschäftigt hat, von dem alle sagten, es sei nicht zu übersetzen, das in den Händen zu halten immer fern und niemals zum Greifen nah war? Ich kann es nicht in Worte fassen, aber ich muss immer schmunzeln, wenn ich es sehe. Es fühlt sich zumindest sehr gut an. Ein von Herzen aufrichtiges Dankeschön geht bei der ganzen Sache an Johannes Neuner, der sich getraut und „einfach“ mal übersetzt hat.


 

15.3. meinen Papa anrufen, weil er Geburtstag hat, Bücher einpacken, Tapete und doppelseitiges Klebeband nicht vergessen, weil: morgen wird tapeziert. Bis Mitternacht wach bleiben, weil: Elisabeth hat Geburtstag. Gratulieren! Die letzte Erinnerung an diesen Tag: Es ist 23:39 Uhr, ich schaue das letzte Mal auf das  Handy. „Ah super, ist gleich Mitternacht“ denke ich und schlafe ein.

2. Erinnerung

Roter Golf, nickende Kollegen, kalte Halle 5

Dann, endlich, der 16.3. ist da. Mist, Mitternacht verpennt. Kaffee trinken, Elisabeth gratulieren. Elisabeth kommt bestimmt gleich mit Omas rotem Golf angefahren. Ich sitze schon unten vor der Haustür mit Bilderrahmen, Tasche, Glück im Gesicht. Mist, der Bäcker nimmt keine EC-Karte. Visa? Nein? Schade. Bargeld reicht nicht mal für einen Geburtstagsmuffin. Bank ist zwar gegenüber, aber zwei große Ikea-Tüten, eine große Schale für 10 kg Äpfel und eine Reisetasche – nee, geht nicht. Ach nöö, an alles gedacht, sogar an die Geburtstagskerze, aber nicht das Scheitern an bargeldloser Bezahlung.


 

Dann ab ins Büro. Tapete, Bücher & Co. verladen. Losfahren. Sich freuen auf die sächselnde Durchsagen vom Ordnungspersonal in Halle 5. Anfangen zu tapezieren, denken „warum zur Hölle hat meine Tapete nur Muster, ohne wäre viel einfacher, ginge schneller“, versuchen nicht so genervt auszusehen, wenn Kollegen kommen, Arme verschränken, kommentieren wie man arbeitet. Bin aber genervt. Mir ist kalt. Das dauert alles viel zu lang. Fünf Stunden später  – fertig. Sieht gut aus. „Die Haltlosen“ passen nicht auf den Buchträger. Fairnet suchen, nicht finden, Finger einklemmen (also nicht ich, Elisabeth), im Hotel telefonisch einchecken, im Restaurant anrufen, dass wir später kommen, im Auto Finger einklemmen (also nicht ich, Elisabeth) um 21 Uhr endlich was zu essen bestellen. Alkoholfrei auf Elisabeth anstoßen. 23 Uhr Hotel. 23.20 Uhr schlafen.


 

3. Erinnerung

Tram 16, Gong verpasst, Paula

„Die Tramlinie 16 ist so voll wie der Metrobüs in Istanbul“ ist der erste wohl richtige Gedanke an diesem Tag. Sonst: „Oh Gott, ich glaube, ich werde krank“ – der Gedanke in Dauerschleife. Mir ist nämlich immer noch kalt. Zweiter Gedanke: „Nee, in diese Tram steig ich nicht ein.“ Zu viele Menschen. Ich mag nicht zu viele Menschen. Und dann niesen die auch noch. Oh Gott, ich glaube, ich werde krank. Nächste Tram fährt auch vorbei. Neben mir steht ein Cosplay-Mädchen. Die hat so was wie Biene Maja in groß im Arm. So wie Biene Maja aussieht, möchte ich Handschuhe anziehen und Biene Maja bei 90 Grad mit Sagrotan waschen. Nie im Leben steige ich in diese Tram ein. Ich denke an die eine Monk-Folge, in der Monk in einem weißen Schutzanzug in einem weißen, sterilen Raum steht. Ich liebe Monk. Ich verstehe Monk. So geht das eine Weile weiter und ich verpasse den Messegong, weil ich erst 10.20 Uhr in Halle 5/G206 ankomme.

Tag 1 auf der Messe ist voller als sonst. Aber nett wie immer. Habe Tresendienst am Stand der Kurt-Wolff-Stiftung  „Die Unabhängigen“. Das ist ganz lustig eigentlich. Der Kaffee ist auch gut. Und dann kommt sie. Ich kenne sie nicht. Sie strahlt mich an. Sie fragt: „Wo ist der binooki Stand?“ Ich überlege, ob ich sie kenne, aber nein, das tue ich nicht und woher weiß sie…? Ach ja, hinter mir steht ja an der Wand, wer ich bin, denke ich, während sie hinzufügt: „Ich bin hier wegen Oğuz Atay!“ Jetzt strahle ich auch. Paula ist ihr Name erfahre ich im Nachhinein. Paula made my day!


 

4. Erinnerung

Ein Preis, Deliduman, eine Na ja-Party

Zwei Wochen im Dezember war ich bei Dussmann das Kulturkaufhaus in der Friedrichstr. 90 in Berlin. Was habe ich da gemacht? Von einem eigenen Kaufhaus geträumt. Weil: Es ist einfach so schön da. Aber ich habe nicht nur geträumt. Ich habe auch ein bisschen gewichtelt. Fürs Wichteln gab es einen BuchMarktAward. Ganz schön gut. Endlich konnte ich auch mal bei einem BuchMarktAward dabei sein. Als binooki vor drei Jahren als Newcomer des Jahres ausgezeichnet wurde, ging das ja leider nicht, da durfte ich nämlich zeitgleich den Kurt-Wolff-Förderpreis entgegen nehmen. Ja, es gibt Schlimmeres, ich weiß.


 

Dann: Lesung. Danke!

Dann: Na ja, eine Party. Eine Party, auf die ich es vorher noch nie geschafft hatte. Eine Party, von der mir alle vorgeschwärmt haben und ich mich echt aufgerappelt habe, um da hinzugehen. Die Party der jungen Verlage. Na ja. Wahrscheinlich habe ich mich im falschen Jahr aufgerappelt.

5. Erinnerung

Menschen, Menschen, Menschen. Und ein paar fehlplatzierte Rechte.

Es war voll. Es wurde voller. Mit jeder Minute. Und dann standen plötzlich zwei Queer-Vertreterinnen eines Verlages vor uns. Den Namen des Verlags hab ich vergessen. Sie gaben uns einen Zettel auf dem zu einer Protestaktion aufgerufen wurde. Eine Liste mit Hashtags stand auf dem Zettel. Der Name des Verlages nicht. Wir entschieden uns für #verlagegegenrechts. Um 14.30 Uhr versammeln sich Vertreter der Verlage aus Halle 5 hinten am Stand des Compact Magazins. Keiner versteht, warum die Veranstalter der Buchmesse dieses rechtspopulistische Sprachrohr von AfD und Pegida ausgerechnet bei den Verlagen platziert hat, die entweder links oder ganz links sind. Oder Queer. Oder – so wie wir halt. Parolen werden gerufen. Fotos werden gemacht. Die seltsam frisierte Stand-Security in ihren schwarzen Anzügen klatscht Beifall. Eine skurrile Situation. Wiederholung bis Sonntag jeden Tag um 14.30 Uhr. Liebe Buchmesse, nächstes Jahr wären wir gern wieder unter uns Buchmenschen. Ohne das Compact Magazin. Das ganze Dilemma mit der AfD ist außerhalb der Messehallen schon nervig genug. Danke!


 

6. Erinnerung

Oh Gott, ich bin krank, Endspurt, 2017

Ja, ja, der Schnupfen ist da. Müde bin ich auch ein bisschen. Ich kann ich definitiv nicht mehr. Karina von Voland & Quist kommt rüber. Ich sehe sie nur an, sie sagt: „Du musst nichts sagen“, und setzt sich zu mir. Man versteht sich ohne Worte. Uns alle verbindet dasselbe Schicksal für diese vier Tage. Und wir alle freuen uns auf eine seltsame Weise dennoch in diesem Moment schon auf die nächste Messe. Erschöpfungszustände, Müdigkeit, eine Tonne Isla Moos Hydro Schnick-Schnack für den Hals, alles ist vergessen. Selbst Biene Maja aus Tag 1 ist vergessen, weil die Vorfreude auf die nächste Leipziger Buchmesse alles andere tatsächlich in den Schatten stellt.

In diesem Sinne danke euch allen, es war wie immer ganz groß mit euch!

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