Emrah Serbes und Alper Canıgüz auf dem Dil Dile Literaturfestival 2012

Literatur berührt. Literatur lehrt und kann Horizonte erweitern. Manche Dinge liegen allerdings so nah, dass man sie ab und an nicht wahrnimmt oder sich gar mit beschäftigt. Denn was fällt dem Durchschnitts-Deutschen denn schon ein, wenn er mit türkischer Literatur konfrontiert wird? Im besten Falle doch politisches Stillleben und Klischees, erwachsen aus der langen Historie des Nebeneinanderlebens.

Diese mentalen Grenzen zu durchbrechen und türkische Literatur auf die kulturelle Landkarte zu bringen, ist mit ein Ziel des türkischen Literaturfestivals Dil Dile, welches vom 23.03. – 31.03. bereits zum zweiten Mal in Berlin stattfand. Alper Canıgüz und Emrah Serbes waren als Autoren des jungen Berliner binooki Verlags die Hauptprotagonisten der Lesungen und Gesprächen am Freitag und Samstag in der Volksbühne zu Berlin.

Freitag, 23:00 Uhr Ortszeit in einer Kreuzberger Bar ergibt sich ein Bild, welches zu keinem gängigen Klischeebild passt, das man von der Türkei besitzt.

Eine Barszene, kultiviert von jungen türkischen Lesern und deren Lieblingsautoren, Deutschen mit türkischen Wurzeln sowie Deutschen, die die türkische Sprache erlernt haben. Eine perfekte Mischung an Literaturinteressierten, die mit jedem gängigen Vorurteil aufräumt.

Ironie und Provokation – Türkische Popliteratur

Vor eineinhalb Stunden endete die Lesung von Söhne und siechende Seelen“ des Autors Alper Canıgüz im Roten Salon. Der jüngst gegründete binooki Verlag lud angesichts der deutschen Erstfassung des Werkes ein, nicht nur den Autor, sondern auch türkische Literatur kennenzulernen. Brücken bauen – eine Fähigkeit, die Literatur durchaus besitzt. Nur ist diese Brücke (zumindest literarisch) zwischen Deutschland und der Türkei noch nicht gespannt worden, obwohl die Länder so viel miteinander verbindet.

Und bereits die ersten Momente, in denen Alper Canıgüz aus seinem Buch mit sanfter Stimme vorlas, entfachten sofortige Sympathie zwischen dem literarischen Star aus der Türkei und seinem Publikum. Die Geschichte und seine Stimme verschmelzten harmonisch, obwohl ein Großteil der Anwesenden – der türkischen Sprache nicht mächtig – kein Wort verstand.

Spielerisch leicht war die Unterhaltung und die Übersetzung durch Oliver Kontny auf der Bühne. Alper gewann die Herzen durch seinen Humor und seine Leichtigkeit. Sein Stil ist teilweise ironisch, seine Mimik gleicht einem Lausbuben – beides hoch gelobt in der Heimat. Canıgüz besitzt beim Publikum, den Kollegen und Kritikern bereits Kultstatus.

„Mein Wille war es immer, Geschichten zu schreiben, die ich auch selbst gern lesen würde.“ verriet der Autor der Journalistin Miriam Janke. Bereits in der Kindheit dachte er sich Geschichten ganz nach dem Vorbild seines Vaters aus und erzählte diese dann gleichaltrigen und älteren Kindern gleichermaßen.

Wie im Flug vergingen die über 90 Minuten, in denen die Gesprächsrunde auf seinen Hauptcharakter des Buches, den 5-jährigen Alper Kamu, seine emotionale Investition in die Schriftstellerei, aber auch seine Angst vor Zurückweisung seiner Werke einging. „Meine psychische Entwicklung wollte ich so lang wie möglich heraus zögern, um die Blüte des Lebens später zu erleben“, so Canıgüz. Gespickt mit Humor, Ironie und viel Aufrichtigkeit fand das Publikum einen leichten Zugang zum Autor.

Schnell wurde erkennbar, dass Canıgüz – wie auch sein Kollege Emrah Serbes – nicht den Weg der politischen Literatur verfolgt. Kunst sollte seines Erachtens nach im Vordergrund stehen, doch werden „3. Welt“-Autoren aus der Sicht des Westens immer an Ihrer politischen Meinung gemessen. Canıgüz stellte in seiner nun schon vertrauten, sanften Art klar, dass er festgefahrene Denkstrukturen mittels seiner Geschichten aufbrechen will und sein Roman mehr als literarisches Werk denn als politischen Manifest sieht.

Spätestens hier wurde deutlich, dass Canıgüz in seinem Buch die moderne, türkische Gesellschaft widerspiegelt, die nur wenig mit dem zu tun hat, was man hier kennt. Ein Bild, welches hierzulande auch keine erfolgreiche Kriminalgeschichte und Serie vorsieht. Denn sowohl Alper Canıgüz als auch Erfolgsautor Emrah Serbes befassen sich mit Erzählungen und Geschichten, die wir in Deutschland nur allzu gern lieben.

Junge türkische Krimis – junger türkisch-deutscher Verlag

Am Samstag Abend war es Emrah Serbes’ Veranstaltung, die im Grünen Salon krimi-begeistertes Publikum anzog und die Veranstaltungsräume zu zweiten Mal vollständig füllte. Emrah Serbes ist in der Türkei ein Star. Seine Bücher um den Hauptkommissar Behzat Ç. aus Ankara wurden mittlerweile in eine komplette TV Serie und nun auch Kinofilm gegossen.

Serbes ist jünger als sein vertrauter Kollege und Freund von Alper Canıgüz. Zusammen mit weiteren Autoren, wie z.B. Murat Menteş, fanden sich die „jungen Wilden“ der türkischen Literaturszene zusammen und füllen sogar gemeinsam mit weiteren Autoren einen sehr erfolgreichen Blog, auf dem sie eine völlig neue Art der türkischen Literatur repräsentieren und ihre Gedanken teilen.

Serbes‘ Kommunikation mit den Personen auf der Bühne und dem Publikum war zunächst vorsichtig und zurückhaltend, doch die Jungautorin Elisabeth Rank schaffte es spielend mit ihrer erfrischenden Moderation, Serbes Antworten gespickt mit feinem Humor und Sympathie – übersetzt durch Sabine Adatepe – dem Publikum zu präsentieren.

Seine fragile Stimme, die aus seinem Buch “Behzat Ç. – jede berührung hinterlässt eine spur” vorlas, wirkt wie ein offizieller Vertreter der jungen Türkei. „In der Türkei ist man sehr an Krimis interessiert. Was zuvor verpönt war, setzte sich in der 90er Jahren immer mehr durch – dies sei in Deutschland mit dem Tatort doch auch so, oder?!“, erklärte Emrah Serbes, der seinen Ursprung zum Schreiben während seines Studiums in Ankara – dem Handlungsort seiner Behzat Ç. Geschichten – fand.

Eine große Hilfe waren die Fächer Dramaturgie und Hörspiel, letzteres ein perfekter Träger der Spannung: „Augen schließen und zuhören.“ Diese Anweisung seines Uni-Professors habe ihm sehr geholfen, seine Geschichten und Protagonisten zu entwickeln. Spätestens jetzt hat Serbes das Publikum in seinen Bann gezogen, welches Hörspiele doch aus der eigenen Jugend nur zu gut kennt.

Und obwohl er damals eigentlich kein Interesse an Krimiromanen hatte, so war der Erstkontakt mit dem Genre eine Geschichte von seiner Freundin, die er als „Mädchenkrimi“ bezeichnete, da sie zu seinem Unmut leider keinen Mord beinhaltete. Serbes verfeinerte die Geschichte daraufhin und wurde so zum Krimi und seiner Romanfigur Behzat Ç. inspiriert.

Wie auch bei Alper Canıgüz, so gab der Autor zu, stecke ein Teil von ihm in Behzat Ç. Der Kommissar sei einerseits das typische Bild eines kantigen, rauhen Polizisten, wie er überall vorkommen kann, andererseits ein Spiegelbild der türkischen Polizei und ihrer Stellung im eigenen Land.

Emrah verriet, dass der fiktive Charakter bereits lang vor dem ersten Buch existierte und in seinen Augen der Prototyp eines Polizisten sei. Ein Kommissar und Mensch mit selbstzerstörerischen Ansätzen, dessen Arbeit jedoch sein Leben darstellt und deswegen nicht aufhören kann.

Auch in der Frage nach dem politischen Anspruch seiner Geschichten – anhand der Charaktere und fortwährend beschriebener Polizeigewalt durchaus nachvollziehbar – entgegnete Serbes literarisch. Zwar sei sein politischer Anspruch nicht weg, dennoch in den Hintergrund gerückt, da sein Drang, gute Literatur zu verfassen, größer sei.

Auf die Frage, was sein Rezept für den kreativen Schreibfluss sei, antwortete der 31-jährige mit Nescafé Gold, einem Camel Soft Pack und leichter, nicht allzu gefühlvoller Musik – und hätte man während seiner Ausführungen die Augen geschlossen und seiner Stimme gelauscht, man hätte ihn an seinem Tisch sitzen und schreiben sehen können.

Beide bis zum letzten Platz ausverkauften Veranstaltungen des 2. Dil Dile Türkischen Literaturfestivals 2012 fanden ihr Ende, dennoch bleibt der Eindruck auch Tage danach bestehen. Die türkische Literatur zeigt, dass sie modern ist, humorvoll und spannend sein kann. Es ist nicht immer notwendig, den Blick auf ein Land durch die politische Brille zu richten. Um Gesellschaften und Mentalitäten zu verstehen, ist die Literatur ein spannender und aufrichtiger Zugang. Die Vielfältigkeit mit der sich die Autoren und ihre Werke präsentiert haben zeigen, dass alte Bilder und Klischees der Vergangenheit angehören.

Und genau wie die Ansammlung der Menschen in der Kreuzberger Bar am Freitag Abend ist die Literatur aus der Türkei vielfältiger, bunter und kommunikativer geworden.

Impressionen vom Dil Dile Literaturfestival 2012


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