Ein Abend mit Emrah Serbes und “junge verlierer”

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Ein Autor aus der Sicht einer Leserin – Gastbeitrag von Türkiz Talay

(Original veröffentlicht auf tuerkiz.wordpress.com)

Wie ich an anderer Stelle bereits schrieb, bin ich ein großer Fan des bikulturellen Verlags binooki. Die Schwestern Selma und Inci, die wie ich in Deutschland geboren und aufgewachsen sind, verlegen türkische Gegenwartsliteratur auf Deutsch, um damit die Kulturen ihrer beiden Heimaten zu verbinden. Der junge Verlag hat damit hier in Deutschland offene Türen eingerannt und bereits 3 Preise kassiert, darunter den Kurt-Wolf-Förderpreis 2013. Einer der Autoren, deren Werke sie auf Deutsch verlegen, ist Emrah Serbes, der mit seinen 33 Jahren bereits zu den erfolgreichsten Schriftstellern der Türkei zählt. Sein jüngstes Werk, der Erzählband „Erken Kaybedenler“, ist 2009 in der Türkei erschienen und befindet sich dort mit bereits 50.000 verkauften Exemplaren in der 11. Auflage. binooki hat das Buch nun unter dem Titel „junge verlierer“ für den deutschen Markt veröffentlicht und Emrah Serbes hierfür nach Berlin eingeladen.

Kein Platz mehr frei in der Lettrétage

In den Räumen des Literaturhauses Lettrétage in Berlin-Kreuzberg fand am 07. März 2014 die Lesung statt, bei der binooki und Emrah Serbes das neue Werk vorgestellt haben. Es ist bereits die dritte Lesung von binooki, bei der ich dabei bin, und mir fällt sofort die angenehm gelöste Stimmung auf, die ich bisher bei allen Lesungen beobachtet habe. Als ich kurz vor acht eintreffe, sind bereits alle Plätze besetzt, bei Wein und Bionade wird laut gequatscht, aus den hinteren Räumen werden schnell noch weitere Stühle angeschleppt, damit die nachrückenden Gäste auch noch einen Platz finden. Das Publikum ist bunt gemischt, vom Studenten bis zum Alt-68er Intellektuellen ist so ziemlich alles vertreten. Um mich herum wird auf deutsch und türkisch gesprochen und es scheint keine Verständnisprobleme zu geben. Als im wenig multikulturellen Wilmersdorf aufgewachsene Deutschtürkin finde ich genau das an Kreuzberg immer wieder aufs Neue faszinierend.

Diesmal bin ich natürlich besonders gespannt auf den Autoren Emrah Serbes, über den ich schon so viel gelesen habe. Bekannt wurde Serbes in der Türkei vor allem mit seinen Romanen über den eigenwilligen Kriminalkommissar Behzat Ç., die bereits 2012 auf deutsch bei binooki erschienen sind. In der Türkei waren die Romane so erfolgreich, dass sie zu einer TV-Serie adaptiert wurden, die von 2010 bis 2013 ebenfalls sehr erfolgreich im türkischen Fernsehen gelaufen ist. Für das Drehbuch zur Serie wurde Serbes (gemeinsam mit dem Drehbuchautoren Ercan Mehmet Erdem) 2010 mit dem türkischen Fernsehpreis ausgezeichnet.

Als die mehr als 80 Gäste Platz gefunden haben, setzt sich Serbes ganz unauffällig an den für ihn vorgesehenen Tisch, neben ihm sitzt Oliver Kontny, der nach dem Behzat Ç.-Roman „jede berührung hinterlässt eine spur“ (Originaltitel: Her Temas Iz Bırakır) nun auch „junge verlierer“ ins Deutsche übersetzt hat. Er wird heute Abend zum einen die Antworten von Serbes simultan dolmetschen und zum anderen die Passagen des Buches auf Deutsch lesen. Moderiert wird die Lesung von der deutsch-türkischen Journalistin Ebru Taşdemir, die mit ihren interessanten Fragen den nötigen Raum schafft, um sich als Zuschauer im Laufe des Abends ein ganz persönliches Bild von Serbes machen zu können.

Ein Porträt der heutigen Jugend in der Türkei

Wie er so dasitzt mit seinem Kapuzenpullover und der schwarzen Lederjacke darüber, die er den ganzen Abend über nicht auszieht und fast schon zu einem Markenzeichen von ihm geworden ist, entspricht Emrah Serbes genau dem coolen Typen, als den ich ihn mir vorgestellt habe. Bescheiden und tiefenentspannt wirkt er, so als könne ihn so schnell nichts aus der Ruhe bringen. In seinen Antworten ist stets eine gute Portion Ironie dabei, die den Gästen an diesem Abend sehr oft ein spontanes Lachen entlockt. Eigentlich sei dieser Erzählband ja nur entstanden, weil sein Verleger ihn fragte, ob er denn auch Erzählungen schreiben kann, erzählt Serbes grinsend. „Klar kann ich das“ habe er geantwortet und daraufhin einige unfertige Essays aus den Schubladen gekramt. Das Thema „junge verlierer“ sei schließlich ein Porträt der heutigen Jugend geworden, wie man sie in der Türkei, aber auch überall anders vorfindet. Die in seinen Erzählungen „Erken Kaybedenler“ im Jahr 2009 charakterisierten 12- und 13-jährigen Jungs wären nun jene 15- bis 16-jährigen, die bei den Protesten im Gezi-Park in Istanbul im Sommer 2013 ganz vorne in der ersten Reihe standen. Deren persönliche Enttäuschungen prägten stark das Bild der türkischen Regierung, so Serbes, und sie wollten selber mal mittendrin sein im Geschehen, im Kampf gegen die Ungerechtigkeit. In Zeiten wie diesen ist man in der Türkei vielleicht unweigerlich politisch, denke ich mir, gerade wenn man noch so jung ist.

Emrah Serbes, die Stimme des Volkes

Überhaupt zieht sich das Thema Gezi-Park schnell wie ein roter Faden durch die gesamte Lesung, ist es doch fast untrennbar mit dem Namen Emrah Serbes verbunden. Dieser hat sich nämlich neben seiner Tätigkeit als Autor vor allem als Aktivist einen Namen gemacht: Seit seiner aktiven Teilnahme bei den Protesten um den Gezi-Park gilt er als „Stimme des Volkes“ – und das längst über die Grenzen der Türkei hinaus. Auf Twitter folgen ihm über 160.000 und seiner Facebook Seite über 60.000 Menschen, eine davon bin ich. Seine öffentliche Meinungsäußerung über den türkischen Premierminister Recep Tayyıp Erdoğan sowie 2 weiteren Politikern brachte ihm letztes Jahr eine Anklage wegen Beamtenbeleidigung ein, bei der die Staatsanwaltschaft als Höchststrafe 12 Jahre Haft forderte. Während eines Gesprächs in einer türkischen Talkshow hatte er den zweiten Namen Erdoğans in das Wort „Tazyik“ (auf deutsch: Druck) verwandelt und damit auf die bei den Demonstrationen zum 1. Mai 2013 von der Polizei eingesetzten Wasserwerfer angespielt. In einem Interview mit dem Berliner Tagesspiegel Anfang November letzten Jahres, kurz vor Prozessbeginn, reagierte er darauf mit Gelassenheit: „Die können ja nicht mal rechnen. Auf diese Beleidigung stehen drei Jahre Haft und ich soll drei Politiker beleidigt haben. Macht bei mir neun und nicht zwölf Jahre“. Serbes lässt keinen Zweifel daran, dass er die türkische Regierung einfach nicht ernst nehmen kann. Angst ist für ihn ein Fremdwort: „Wer Angst hat, gibt seinem Gegenspieler Macht“. Seine Taktik scheint aufzugehen. Im November 2013 wird die Anklage gegen ihn fallengelassen.

Angesichts der Tatsache, dass wegen des umstrittenen türkischen Anti-Terror-Gesetzes derzeit über 100 Gewerkschafter und Journalisten nur auf Verdacht und ohne Gerichtsverfahren auf unbestimmte Zeit in Untersuchungshaft sitzen, ist sein Verhalten sehr mutig. Spätestens seitdem gilt Serbes als Held, der weiterhin an die Demokratie in seinem Land glaubt: „Wer die Beziehungen zwischen Polizei und Bürgern versteht, versteht ein Land“, sagt Serbes. Deshalb möchte er weiter dafür kämpfen, dass die Türken keine Angst vor der Regierung haben: „Solange die Menschen Angst haben vor der Polizei, ist eine Gesellschaft wenig demokratisch“. Seine Fans standen ihm in der Zeit vor dem Prozess bei, indem sie sich in den sozialen Netzwerken Twitter und Facebook mit ihm solidarisierten und fast im Sekundentakt Bilder des Autors und Tweets mit dem Hashtag #EmrahSerbesYalnızDeğildir (auf deutsch: „Emrah Serbes ist nicht allein“) in die Welt hinaus sandten. Dieser Satz stand geschrieben auf Servietten und Bierdeckeln, auf Gehwegen und an Häuserwänden. Seine Botschaft wird demnach erkannt und weitergetragen in der Gesellschaft und das ist es auch, was Serbes als Erfolg ansieht. „Es hat sich schon viel verändert in den vergangenen Monaten. Das erfüllt mich mit Stolz, nicht mit Angst“.

Solidarisierung mit Emrah Serbes im Herbst 2013

„Wer ist dieser Sarrazin?“

Auf die Frage der Moderatorin Taşdemir, ob man das Bild der „jungen verlierer“ denn auch auf die deutsche Gesellschaft übertragen könne, findet Serbes deutliche Worte: „wenn man von den Jungen Verlierern unter den hier lebenden Türken spricht, muss man sich doch zunächst fragen: Woher kommen die? Die Türken wurden vor 50 Jahren nach Deutschland geholt, um in den Fabriken zu arbeiten und die Drecksarbeit zu machen, für die sich die Deutschen zu fein waren.“ Zu den umstrittenen Thesen von Thilo Sarrazin hat er demnach eine klare Meinung: „Wer ist dieser Typ, der heute fragt, warum jetzt so viele junge Türken hier in Deutschland herumlaufen? Ich kenne den Kerl nicht, aber in der Türkei haben wir ja mittlerweile Übung darin, uns mit der Regierung anzulegen. Ich komme also gerne nochmal her und mische den auf, neben mir sagt der so etwas nicht.“

Humorvolles Zusammenspiel von Autor und Übersetzer

Es soll aber natürlich vor allem gelesen werden an diesem Abend. „junge verlierer“ gibt in 8 Erzählungen einen Blick auf Jungs und Heranwachsende im Alter von 8 bis 17 Jahren, die versuchen, ihren Platz in einer dominanten Gesellschaft zu finden. Serbes und Kontny stellen Passagen aus drei Kapiteln des Buches vor: „Korhan Abi“, „Der erste Tod meiner Oma“ und „Über mir wohnt ein Terrorist“. Abwechselnd liest Serbes auf Türkisch und Kontny auf Deutsch, und an den spontanen Lachern im Publikum erkennt man schnell, wer Türkisch versteht und wer nicht. Das tut dem Ganzen aber keinen Abbruch, denn Kontny trägt die Passagen auf Deutsch ebenso humorvoll und ironisch vor, wie es der Autor auf Türkisch tut. Das Zusammenspiel zwischen den beiden wirkt vertraut, fast brüderlich, und so witzelt Serbes zwischendurch darüber, dass Kontny seine Bücher im Deutschen stets länger mache, als sie im Original sind: „Oliver hat hier aus 143 Seiten am Ende 170 gemacht, so war das auch schon bei Behzat Ç., da wurden aus 300 Seiten plötzlich 350. Ich habe mich damals schon gewundert, aber ich vermute, er wäre am liebsten Schriftsteller geworden, hat es aber nicht hingekriegt. Deshalb fügt er bei den Übersetzungen immer noch was hinzu“ – großes Gelächter im Publikum.

Serbes schreibt auf den ersten Blick klar und fast nüchtern, aber stets mit einem verschmitzten Grinsen zwischen den Zeilen, und es gelingt einem als Leser schnell, sich in die Charaktere der Jungen hineinzufühlen. Es geht natürlich um die erste Liebe und den ersten Sex, aber auch um Abschied und Trauer, und gerade hier wird deutlich, dass Serbes in seiner Klarheit auch die emotionalen und traurigen Momente wunderbar in Worte fassen kann. Es sind Situationen, in denen sich wohl jeder wieder erkennen wird, sofern er sich noch an seine eigene Jugend erinnert. Ob er ein festes Frauen bzw. Männerbild habe, will Ebru Taşdemir von Serbes wissen. Der muss schon wieder grinsen, wenn er antwortet: „Naja, die Männer sind natürlich realistischer gezeichnet, weil ich mich damit einfach besser auskenne.“ Die Frauen hingegen würden quasi durch den Blick der Männer auf sie erzählt. Dadurch seien die Frauen in seinen Erzählungen automatisch weich und sensibel, denn so würden Männer Frauen letztendlich sehen.

Die Vermischung von Religion und Politik ist gefährlich für die Demokratie

Am Ende der Lesung kommt Taşdemir nochmal auf die Gezi-Proteste zu sprechen und fragt Serbes nach dem Auslöser für diese anfangs friedliche Demonstration. Es habe sich über die Jahre einfach zu viel angestaut beim Volk und dann sei den ersten der Kragen geplatzt, sagt der junge Autor. Diese Vermischung von Religion und Politik sei sehr gefährlich, so könne man kein demokratisches Land regieren. Es würde sich vieles immer mehr in Richtung Diktatur entwickeln, die Reden Erdoğans seien montiert und die Nachrichten ebenfalls. Und wenn man die Akteure in der Türkei danach frage, warum sie dieses Spiel mitspielen, bekäme er oft die Antwort zu hören: „Wir müssen ja auch unser Geld verdienen!“ In diesem Zusammenhang weist Serbes darauf hin, dass bei den Protesten 7 junge Menschen ums Leben gekommen seien, was wohl nicht nur für mich an diesem Abend eine neue und erschreckende Information ist. „Wenn man das bedenkt“ sagt Serbes, „dann klebt Blut an deren Händen, die diese Entwicklung mit ihrer Arbeit unterstützen.“ Dennoch sieht Serbes nicht schwarz für die Zukunft der Türkei. Die Gesellschaft habe sich schon sehr verändert in den letzten 10 Jahren, seitdem Erdoğan an der Macht ist, und sie werde sich stets weiter entwickeln, spätestens nach seiner Abwahl. „Die türkische Gesellschaft muss sich die Demokratie ganz allein erarbeiten“, so Serbes. Aber das brauche einfach Zeit, und solange bleibe er optimistisch. “Die Gezi-Bewegung hat die Seele des Landes erweitert, das verschwindet nicht mehr”, sagte er letztes Jahr in einem Interview mit der Berliner taz. “Die Erinnerung an den Aufstand ist wertvoll. Wie die 68er-Bewegung in Frankreich oder Deutschland werden sich auch die Folgen erst in der Zukunft zeigen.”

Emrah Serbes beim Signieren seines jüngsten Werkes “Junge Verlierer”

Erinnerung an Che Guevara

Als die Lesung nach gut zwei Stunden vorbei ist, macht Emrah Serbes eine kurze Zigarettenpause auf dem Hof und setzt sich dann wieder an den Tisch, um die gekauften Bücher zu signieren. Neben ihm ein halbvoller Aschenbecher und ein Bier. Er ist eben ein richtig cooler Typ, dieser Emrah Serbes, und in diesem Moment erinnert er mich an Che Guevara, den Freiheitskämpfer der kubanischen Revolution, mit seinem Bart, den längeren Haaren und dieser Gelassenheit, mit der er linkshändig ein Buch nach dem anderen signiert. Plötzlich komme ich mir schrecklich oberflächlich vor, als mir bewusst wird, dass Emrah so viel jünger ist als ich und schon so viel bewirkt hat in der türkischen Gesellschaft. Für seinen Mut ist er fast im Gefängnis gelandet und das war nicht das erste Mal, dass er die Willkür der türkischen Justiz erfuhr: Einmal musste seine Produktionsfirma eine Geldstrafe in Höhe von 550.000 Dollar zahlen, weil der Protagonist Behzat Ç. in einer Folge ein Bier trinkt, was im türkischen Fernsehen verboten ist. Schließlich wurde die Fernsehserie trotz (oder gerade wegen) des großen Erfolgs letztes Jahr abgesetzt.

Emrah Serbes lässt sich von diesen Schikanen der Regierung nicht herunterziehen, sondern sieht in dem wachsenden Widerstand der Bevölkerung eine Chance auf Veränderung. Als logische Konsequenz dessen käme es für ihn auch nicht in Frage, auszuwandern. “Ich kenne viele Leute, die die Türkei schon vor Jahren verlassen haben und dann ganz traurig waren, weil sie den Gezi-Aufstand im Ausland verpasst haben. Das will ich nicht erleben, wenn hier die nächste Revolte kommt.”

Die Türkei braucht mehr solche Leute wie Emrah Serbes, da bin ich mir sicher. Auch ich stelle mich mit meinem Buch in die Reihe und bitte den Autor um eine persönliche Widmung. Er zitiert aus Behzat Ç.: „Türkiz’e iyiler ilk görüşte tanınmaz“, was auf Deutsch bedeutet: „Die Guten erkennt man nicht auf den ersten Blick“. Das kann ich zwar nicht ganz uneingeschränkt unterschreiben, aber es drückt aus, wofür er kämpft: Optimistisch zu bleiben und nach vorne zu schauen. Ich nehme mein Exemplar in die Hand und fahre mit dem schönen Gefühl nach Hause, wieder ein Stück mehr über die Vertreter meiner Generation in der türkischen Gesellschaft erfahren zu haben. Über jene Menschen in der Türkei, von denen die Deutschen à la Sarrazin unbedingt noch mehr erfahren sollten.

Quellen:

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