Diesmal war der Terror näher als sonst…

yeter

Es sollte nur ein kurzer Trip nach Istanbul sein, um dort Geschäftliches mit einem Verlag zu besprechen. Doch es wurden unerträgliche 24 Stunden, bis wir wussten, dass Inci wieder unbeschadet in Berlin angekommen ist. Nur wenige Stunden vor dem grauenvollen Anschlag von drei Selbstmordattentätern ist sie am Istanbuler Flughafen Atatürk durch die gleichen Gänge gelaufen, vorbei an den Geschäften, deren zerbrochene Scheiben und Deckenverkleidungen sich nun über den ganzen Boden verteilen, vorbei an dem Ort, wo später viele Menschen ihr Leben ließen und noch sehr viel mehr schwer verletzt wurden. Mit jeder Meldung des Facebook Safety Checks, die uns bestätigt, dass unsere Familie, Freunde, Autoren, Partner und Bekannte in Sicherheit sind, macht sich etwas Erleichterung breit. Doch von vielen hören wir nichts. Wir bangen und hoffen. Mehr bleibt uns nicht.

YETER!

Wieder einmal sind wir geschockt beim Betrachten der schrecklichen Bilder, die wir aus der Stadt erhalten, in der nicht nur die Geschichte unseres kleinen Verlages begann, sondern die als einzigartige, lebendige und historische Metropole unser Herz bereits vor sehr vielen Jahren erobert hat. Die schrecklichen Anschläge in Ankara, Diyarbakir, Suruc und Istanbul haben jedes Mal unsere Herzen in tiefe Trauer gestürzt. Gleiches galt für die vielen anderen Attentate in der Welt, deren Liste seit 2015 immer länger wird. Jedes Mal war da die Angst um die, die wir kennen und die Trauer um die, die wir niemals mehr kennen lernen werden. Wäre unser Autor Emrah Serbes letztes Jahr im Oktober nicht in Deutschland zur Buchpremiere gewesen, wäre er vielleicht bei dem Bombenattentat bei der Friedensdemo in Ankara vielleicht unter den Opfern gewesen. Wäre Inci nur wenige Stunden später in Istanbul gelandet, wäre sie vielleicht… Es ist dieses Kopfkino, diese Angst, diese Zweifel, dieses beklemmende Gefühl eines Alternativ-Szenarios, das zum Glück nicht eingetreten ist. Doch es hört nicht auf. Was wäre, wenn…

YETER!

Die Angst in das Land unserer Eltern zu fahren, nimmt zu. Das Land hat sich verändert. Unsere Heimat ist nicht mehr die, die sie einmal war. Das bekommen wir spätestens seit Gezi selbst deutlich zu spüren. Und nicht erst seit dem 28.06.2016 wissen wir, wie plötzlich etwas in seinem Leben geschehen kann, das man sonst nur aus den Horrornachrichten im Fernsehen kennt. Denn das ist das Ziel: Die Angst durch Terror zu schüren und die Menschen in ihrer Angst dazu zu bringen, argwöhnisch zu werden, Fremdem und Fremden mit Skepsis zu begegnen, zu polarisieren, zu pauschalisieren und zu instrumentalisieren.

YETER!

Wir regen uns nicht mehr darüber auf, dass nach dem Anschlag in Istanbul niemand sein Facebook-Profil mit den Nationalfarben der Türkei einfärbt. Wir regen uns nicht mehr darüber auf, dass Brexit in den europäischen Medien deutlich mehr Gewichtung findet, als die Terroropfer eines Landes, das sich in den letzten Jahren durch zahlreiche fragwürdige Aktionen ohnehin nicht die größte Sympathie erarbeitet hat. Wir regen uns nicht mehr darüber auf, dass die Vorfreude auf das Viertelfinale der EM größer ist, als die Bestürzung über etwas, was jederzeit an irgendeinem anderen Flughafen in Deutschland ebenfalls geschehen könnte. Die Türkei ist dafür vielleicht immer noch einfach zu weit weg. Für uns ist sie es nicht. Ebenso wie Frankreich, Somalia, Belgien oder Mali. Wir beklagen die Toten, wie wir es immer tun. Wir schließen sie in unsere Gedanken ein.

Und in unseren Mündern formt sich wieder einmal nur ein einziges Wort:

YETER!

GENUG!

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One thought on “Diesmal war der Terror näher als sonst…

  1. Mit Erleichterung habe ich das Posting vom Besuch Inci Bürhaniyes gelesen. Als evangelischer Christ kann ich nur sagen “Gottlob !” ist sie einige Stunden vor dem Attentat dort gewesen !
    Trotz alledem: Weiterhin viel Erfolg mit dem interessanten und schön gestalteten Büchern
    und als Glückwunsch für die beiden Verlegerinnen: Lassen Sie es sich nicht verdriessen und
    bleiben Sie weiterhin so, wie Sie sind.

    Michael Rittendorf
    Heinrich Böll Stiftung SH
    Lübeck

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