Die Türkei wird per TOMAkratie* regiert

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Emrah-Serbes-Hurriyet„TOMAkratie ist das Bewässern der Bürger durch sich selbst.“ So beschreibt Emrah Serbes, der Autor der Krimiserie Behzat Ç., das derzeitige System in der Türkei. Serbes unterstützt den Widerstand im Gezi-Park vom ersten Tag an aktiv, wir sprachen mit ihm über die Proteste und die gedrückte Stimmung im Land.
(Übersetzung des Interviews mit Emrah Serbes: Hürriyet, İpek Yezdani, 22.06.2013. Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe)

Seine Sprache ist flüssig, sein Stil derb, seine Haltung oppositionell. Er stammt aus Ankara. Und ist ein großer Fan von Beşiktaş. Neben seiner Krimiserie Behzat Ç. schaffen es auch seine erschütternden Erzählbände stets auf die Bestsellerliste. Wir sprachen mit Emrah Serbes über die Gezi-Park-Bewegung aus der Perspektive eines Schriftstellers.

Welchen Geistes ist die im Gezi-Park entstandene Bewegung?
Sie ist extrem freiheitlichen, extrem humoristischen und zugleich auch extrem romantischen Geistes. Im Stadtteil Harbiye etwa wurden Reizgasgranaten geworfen, da rollte einer der Jungen hinter den Barrikaden ein Transparent für seine Freundin aus: „Willst du mich heiraten?“ Selbst die Leute aus dem Stadtteil Cihangir, die bisher als Intellektuelle verspottet und verachtet wurden, sind die ganze Nacht durch auf der Straße. Wir wie auch die Generation der 90er Jahre dachten, in der Türkei herrsche Demokratie, nun aber sehen wir, dieses Land wird per TOMAkratie regiert. TOMAkratie, wissen Sie, ist das Bewässern der Bürger durch sich selbst. Also du zahlst deine Steuern und diese Steuern kehren dann als Wasser zu dir zurück.

Neben der 90-er Generation sind ja auch ältere Frauen und Männer auf die Straße gegangen …
Eben das ist das Meisterwerk der Regierung. Wenn es dir gelingt, die 70-Jährige auf die Straße zu bringen, dann ist das eigentlich ein Meisterwerk der Bürger. Es ist nicht einfach, diese alte Dame auf die Straße zu bringen und mit ihr sogar die schweigende Mehrheit zum Aufstand zu bewegen. Am Anfang hieß es beharrlich: „Das sind Çapulçu, Marodeure und Penner“, als das nicht zog, hieß es, es seien „ideologische Organisationen“, das funktionierte auch nicht, also sagte man: „Sie sind vom Ausland gelenkt.“ Schließlich tauchte der „Stehende Mann“ (#duranadam) auf, diese Aktion belegt, wie zivil dieser Protest ist.

KEINE REGISTRIERUNG VON FESTGENOMMENEN

Die unverhältnismäßige Gewalt des Polizeieinsatzes gegen die Aktivisten fiel auf. Was ist da Ihr Eindruck?
Beim jüngsten Einsatz stürmte die Polizei mit „Allah, Allah“-Rufen auf die Bürger los, wie kann man eine solche Feindwahrnehmung aufbauen? 5 Tote, über 7.800 Verletzte, 59 Schwerverletzte, 100 Schädel-Hirn-Traumen, 11 Erblindungen, was ist das für ein Hass? Seit Tagen bringen sie Leute auf den Parkplatz hinter dem Atatürk-Kulturzentrum und in den Hof des Rundfunkgebäudes in Tepebaşı, um sie zu misshandeln, das registriert niemand. Da sind regelrechte Folterzentren entstanden, sie nehmen Leute mit, die Festnahmen werden nicht registriert.

Auch die Haltung der Medien wurde heftig kritisiert …
Im Gezi-Park ist mit Kind und Kegel alles versammelt, die Polizei wirft Reizgasgranaten in geschlossene Räume, nimmt den Leuten ihre Gasmasken weg, knüppelt auf Menschen ein, die sich in Hotels geflüchtet haben, was aber machen die Medien, sie senden: „Auf dem Taksim ist alles unter Kontrolle.“ Die Medien tragen eine Mitschuld daran, dass die Bewegung an den derzeitigen Punkt gekommen ist. „Wir müssen jetzt auf die Straße“, das ist, was alle empfanden. Wäre die Berichterstattung in den Medien neutral gewesen, hätten die Leute sich nicht derart genötigt gefühlt, auf die Straße zu gehen. Wir sind mittlerweile in einer Situation, da ein Blick vom Balkon mehr Auskunft darüber gibt, was im ganzen Land geschieht. Seit zehn Jahren trauten sich die Leute wie paralysiert nicht auf die Straßen, das ist jetzt überwunden.

Was muss die Regierung tun, um die Lage zu entspannen?
Vor allem muss der Ministerpräsident sich beruhigen. Jemand muss ihm klarmachen, dass da niemand ein Komplott gegen die Regierung schmiedet, dass er es hier schlicht mit der Reaktion der Zivilbevölkerung zu tun hat. Ich denke, er versteht genug von Politik, um das zu begreifen. Es gibt keine politische Erklärung für sein Verhalten, vielleicht eher eine psychologische. Im Grunde erwarten die Menschen Respekt. Die Regierung muss diesen Leuten den nötigen Respekt erweisen. Es kann nicht gutgehen, wenn man die Gesellschaft weiter in Spannungen treibt, Gegenkundgebungen veranstaltet und sagt: „Wenn ihr da zu dritt seid, dann sind wir hier zu fünft.“ Wenn Tayyip Erdoğan daran interessiert ist, die Atmosphäre zu entspannen, könnte er zum Beispiel sagen: „Ihr jungen Leute, ich überlasse euch den Park.“ Hätte er das gleich am ersten Tag getan, wäre die Sache nie eskaliert. Immer noch werden Lügen verbreitet wie: „Ihr habt Alkohol in der Moschee getrunken und Frauen mit Kopftuch belästigt.“ Wir kennen die Bilder von Polizisten, die Frauen mit Kopftuch belästigen. Im Gezi-Park gab es einen Gebetsraum, die Polizei ist hin und hat ihn abgerissen. Bei der Beerdigung von Ethem Sarısülük hat die Polizei den Sarg mit Wasserwerfern attackiert. Was hat das noch mit dem Islam zu tun? Das ist eine Schande. Da hast du schon mit einer Polizeikugel einen Menschen umgebracht, dann lass doch wenigstens seine Beerdigung in Ruhe.

REIZGAS IN GESCHLOSSENE RÄUME

Nach der tagelang andauernden Polizeigewalt kursierten auf Twitter Sprüche wie: „Wären doch alle Polizisten wie Behzat Ç.“ …
Behzat Ç. ist bestimmt kein vorbildlicher Polizist, er hat seine Aussetzer. Er ist ein harter Bulle, der schon mal gegen jemanden die Hand hebt. Im Augenblick ist es aber so, dass die Polizei jeden, den sie auf der Straße antrifft, attackiert, weil sie ihn für einen Aktivisten hält. So ein Polizist ist Behzat Ç. nicht. Wer solche Sprüche loslässt, will vermutlich sagen: „Die Polizei sollte ihr Gewissen einsetzen.“ Kann jemand, der einen Funken von Gewissen hat, rücksichtslos Reizgas in geschlossenen Räumen einsetzen?

Wie wird sich der Gezi-Park auf Ihre künftigen Krimis auswirken?
Ich sitze seit einer ganzen Weile schon an einem neuen Behzat Ç.-Krimi, aufgrund der Ereignisse ruht die Arbeit daran. Wenn sich die Lage beruhigt hat, revidiere ich nochmal meine Vorstellungen von der Gesellschaft, der Jugend und von unserer Zukunft und dann schreibe ich weiter.

Es wird gerade der zweite Behzat Ç.-Film gedreht. Lässt sich da nach den Ereignissen etwas mit Bezug auf den Gezi-Park ins Drehbuch einbringen?
Das Drehbuch schrieb Ercan Mehmet Erdem vor drei Monaten, der Film heißt „Behzat Ç. – Ankara brennt“, dann brannte es tatsächlich. Denn die Polizei in Ankara geht noch härter vor. Um das Parlament herum besteht eine Bannmeile für Demos von einem Kilometer. Deshalb sind die Ankaraner im Laufe der Jahre unbeugsame Protestierende geworden. Fast jeder wurde irgendwie verletzt. Sehen wir uns die Zahl der Verletzten an, ist die gesamte Türkei leicht verletzt, bis hin zu jenen, die zu Hause geblieben sind, gibt es keinen, der nicht Reizgas eingeatmet hätte.

„Wenn sie Çarşı als Verbrecherbande bezeichnen, dann sagen wir, dass auch wir Mitglieder dieser Organisation sind.“
Ich bin mittlerweile noch stolzer darauf, Beşiktaş-Fan zu sein. Meines Erachtens versucht die Regierung, den Fan-Club Çarşı für die Ereignisse büßen zu lassen. Ich habe mit den Anwälten gesprochen, im Verhör würden 98 Fragen gestellt, wie bei der Hochschulzugangsprüfung. Das Justiz-Verfahren nimmt nun seinen Gang, hoffentlich kommt dabei für die Zukunft eine vernünftigere Lösung heraus. Ich kenne Cem Yakışkan, der zu den Gründern von Çarşı gehört, sehr gut aus dem Quartier, ich weiß genau, wie er sich seit 20 Tagen darum bemüht, die Leute zu beruhigen. Er hat sich, wo es nötig war, sogar zwischen die Leute und die Polizei gestellt, um die Demonstranten zu beschwichtigen. Seine Festnahme ist extrem bedauerlich. An dem Tag, als er festgenommen wurde, stand für seine Tochter die Uni-Zulassungsprüfung an, die Polizei war bei ihm im Haus. Ich sprach mit (dem Filmemacher) Zeki Demirkubuz, er sagte: „Wenn sie Çarşı als Verbrecherbande bezeichnen, dann sagen wir, dass auch wir Mitglieder dieser Organisation sind.“ Zeki ist bereit, das zu sagen, auch ich bin dazu bereit, viele Autoren, und die Beşiktaş-Fans auch. Ich hoffe aber, dass es nicht dazu kommen wird.

Freud sagte, alles Unterdrückte kehre eines Tages zurück. Da war der Putsch vom 12. September 1980, da ist die Repression gegen die Gesellschaft aus den vergangenen 30 Jahren. Den Putsch erlebten die Eltern der jungen Leute, die heute auf die Straße gehen, und in den letzten zehn Jahren wurde die Repression schärfer. Im Kern ist die Sache diese: Die Leute wollen Respekt. Der Gezi-Park-Protest hat sich an den Bäumen entzündet, aber die Forderung, die Bäume nicht abzuholzen, läuft parallel zu der Forderung der Leute nach Respekt. Als die Regierung dann mit Polizeigewalt reagierte, war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte.

*TOMA (engl. POMA) ist die gängige Bezeichnung für moderne Wasserwerfer, wörtlich ist es die türkische Abkürzung von „Fahrzeug zur Intervention bei zivilgesellschaftlichen Vorkommnissen“

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