Dazwischen, daneben, damit und deswegen.

Wer mit 2 Sprachen, 2 Kulturen und in 2 doch unterschiedlichen Gesellschaften aufwächst, hat genau 3 Möglichkeiten:
1. Entweder es entwickelt sich im Laufe der Zeit eine multiple Persönlichkeit.
2. Oder eine Seite wird ganz klar ausgewählt.
3. Oder aber man findet irgendwie einen Weg zwei Welten in eine hinein zu quetschen. Diese komprimierte Welt wird sich aber dennoch nie vollständig anfühlen.

Bei mir ist der Querschnitt der 3 Möglichkeiten eingetreten. Ich rede in zwei Sprachen und vermische diese ohne es auch nur ansatzweise selbst wahrzunehmen. Ich schreibe lieber auf Deutsch, zähle aber auf Türkisch. Ich liebe das Lebensgefühl, die Herzlichkeit und die Wärme, die ich mit der Türkei verbinde. Ich finde einige Traditionen dort sehr schön, könnte sie aber selbst nie durchführen, weil ich nicht weiß, wie das geht. Im Grunde bin ich in meinem türkischen Dasein nur ein Beobachter. In meinem deutschen Dasein bin ich mehr Akteur. Hier ist mein Lebensmittelpunkt und hier passiert es – mein Leben. Und das passiert bis auf die Zahlen auf Deutsch. So ist es auch mit dem Lesen. Es passiert überwiegend auf Deutsch.

Nun gibt es Dinge, die ich ich lesen möchte, deren Entstehung wo anders statt findet. In einer anderen Sprache, in einer anderen Welt, mit der ich beobachtend verbunden bin.

Im November 2010 war ich in Istanbul wegen eines Theaterprojekts. Zur selben Zeit war auch meine Schwester Inci da, um die Buchmesse dort zu besuchen. Einen Tag sind wir zusammen dorthin gegangen und wie auch schon die Jahre zuvor hat sie mir eine Liste von Büchern aufgesagt, die ich unbedingt lesen sollte. Und wie auch die vielen Jahre zuvor war meine Frage darauf: „Gibt es das denn schon auf Deutsch?“

Nein, gibt es nicht. Es gibt einige Klassiker und einige wenige sehr bekannte Schriftsteller auf Deutsch. Aber was ist mit der Gegenwartsliteratur? Wie kann man das fördern, dass diese Literatur in Deutschland veröffentlicht wird?

Zum Mittag gab es an diesem Tag Köfte und eine Entscheidung: Wir machen das selbst!

Diese Entscheidung stand fest mit dem ersten Gedanken daran und war so laut in meinem Kopf, dass es tatsächlich den Lärm dieser unglaublichen Stadt übertönte. Zurück in Berlin wurde alles klarer, detaillierter, konkreter und nun sind wir da, wo wir sind – wir sind ein Verlag. Aus dem immer dazwischen, daneben und damit wurde ein ganz großes DESWEGEN.

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